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Pressemitteilung
07.07.2026

„Nichts Schöneres als die Freiheit“

Premiere des Welfentheaters mit über 50 Kindern, Jugendlichen und Studierenden

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Ein nicht enden wollender Schlussapplaus rundete die gelungene Premiere des diesjährigen Welfentheaters am 3. Juli im Schlössle in Weingarten ab. 50 Kinder und Jugendliche, zusammen mit engagierten Studierenden der Pädagogischen Hochschule Weingarten spielten mit großer Begeisterung fast zwei Stunden unter der ideenreichen Regie von Jutta Klawuhn und der unermüdlichen Begleitung von Eva Stärk (und der gesamten weiteren „Hintermannschaft“), die für reibungslose Auftritte, Kostümwechsel und hilfreiche Soufflier-Arbeit zuständig waren.

Dieses gelungene Zusammenspiel der verschiedenen Akteure mit unterschiedlicher Spielerfahrung bereitete dem Publikum einen höchst vergnüglichen Abend. Manche sind schon seit Jahren dabei, manche erst seit diesem Jahr, und immer wieder gelingt es der Regisseurin Klawuhn alle Spielerinnen und Spieler mitzureißen und gleichzeitig das Publikum zu begeistern.

Begonnen hatte das Stück mit einer sehr leisen Szene, in der ein kleiner, sehr präsenter Zweitklässler in der Mitte der Bühne saß und Flöte spielte. Dabei störten ihn übereifrige Gehilfen einer kinderverachtenden Bauleiterin, die für ein geplantes Parkhaus etwas zu vermessen hatten. Hinzu kamen jetzt eine Gruppe aufgeweckter Kinder, natürlich mit einem fast festgewachsenen Handy am Ohr und ein unachtsamer Junge, der sich am Bein verletzte.  Ein überraschend auftauchendes, mittelalterlich gekleidetes Bauernmädchen stammte – oh Wunder – direkt aus dem Jahr 1525. Ohne groß nachzufragen, wurde dem verletzten Kind aus der Stadt Weingarten durch Kräutermittel geholfen.

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Mittelalter und Gegenwart begegneten sich auf eine clever inszenierte Weise, und so waren wir mitten in der Situation der Bauern um 1525, die von brutalen Herren geknechtet und ausgebeutet wurden. Schon am Rande ihres Existenzminimums bekamen die Bauern die dürrsten Äcker, und nun nahm man ihnen die letzte Kuh weg. Der Unmut auf der Bühne war deutlich zu sehen und zu hören, und im Laufe des Stückes steigerte sich diese Wut, die nur noch nach Freiheit schrie. Mit zunehmendem Entsetzen sahen die heutigen Kinder aus Weingarten diese unerträgliche Situation der Bauern. Nicht nur, dass sie brutal unterdrückt wurden, die Bauern bekamen regelmäßig Prügel, wenn sie nicht den „Zehnten Teil“ ablieferten. Und auch bei diesem „Zehnten Teil“ wurde betrogen: ein netter Einfall der Regie, dass die Landsknechte des Herrn beim Eintreiben betrogen wurden, weil sie die Zahl NEUN wegließen.

Eine arrogante Gräfin trieb diese Situation auf die Spitze, da sie sich nur um überflüssige Schneckenhäuser kümmern wollte, und dies mit einer unglaublichen Präsenz und bewundernswerter Deutlichkeit in der Stimme zum Ausdruck brachte. Ihre stets im Chor nachplappernde Gefolgschaft von dümmlichen Bediensteten untermalte diese besondere Witzigkeit. Die devot auftretenden, aber sehr arrogant befehlenden Landsknechte wurden mit einer beeindruckenden und zugleich spritzig wirkenden Bühnenpräsenz gespielt.

Das unermessliche Leid der Bauern, ihre zunehmende Unterdrückung und die unermessliche Gier nach noch mehr Reichtum der Herren steuerten auf eine sich abzeichnende, fast unvermeidliche Katastrophe zwischen den immer dreister auftretenden Herrschaften und den immer wütender werdenden Bauern zu. Hervorragend von den Bauernkindern als Vertretung ihrer Eltern gespielt, sahen wir ihre zunehmende Wut und Verzweiflung, beeindruckend und überzeugend in Szene gesetzt.

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Die Übermacht der „Bauernhaufen“ erreichte eine Größe von 25.000 schwer bewaffneter und wütender Aufständischer. Dabei halfen die heutigen Weingärtner Kinder durch ihre hervorragenden Rechtschreibkenntnisse den Bauernkindern, die massenhaften Flugblätter korrekt zu drucken. Zugleich wurde um die Frage „Verhandlung“ oder „Kampf“ unter den Bauern heftig gerungen und es kam zu wütenden, handgreiflichen Auseinandersetzungen beider Parteien. Sehr schöne Idee, dass auch bei den Unterdrückten der Streit um die richtige Strategie „Verhandlung“ oder „Kampf“ in heftige Raufereien mündete.

Dabei hätte man den Zuschauern noch deutlicher zeigen können, dass die „Zwölf Artikel“ aus Memmingen, die die Bauern gefordert hatten, heute noch grundlegende Freiheitsrechte sind und eigentlich eine erste Erklärung europäischer Menschenrechte darstellen, die in die spätere baden-württembergische Landesverfassung eingingen.

Sehr beeindruckend gespielt, zeigt eine Szene, wie ein sich in auswegloser Lage befindender Herrscher darüber schwadroniert, wie man die Bauern durch Bestechung betrügen könnte, und dabei als sinnloses Trostpflaster ein Glas Wein nach dem anderen leert. Nach seinem volltrunkenen Abgang kippen seine stets ergebenen Diener den restlichen Wein in ihre Kehlen und wanken ebenfalls stark betrunken mit den Requisiten ab – so gelingt wohl keine Gegenwehr.

Mitten im Bauernkrieg finden sich die Weingärtner Kinder plötzlich – oh Wunder – auf ihrem Gelände in Weingarten wieder, auf dem die kinderhassende Bauleiterin gerade ihr neues Parkhaus einweihen will. Angestachelt durch die Wut der Bauernkinder planen die Weingärtner Listiges: Alle spielen so falsch und so schrill Flöte, dass es für niemanden mehr erträglich bleibt – und die Schar abgewiesener Bauleute ihr Glück – in Ravensburg versuchen wird. Der Junge mit der Flöte taucht als abrundendes Element nochmals auf und zeigt ein gutes, wenn auch unwahrscheinliches Ende!

Schon sehr beeindruckend, wie sich ältere und jüngere Theater-Spielende zusammen und vor allem mit viel Begeisterung und Spiellust engagieren (unsere Fußballmannschaft könnte sich hiervon eine Scheibe abschneiden). Unglaubliche Freude, mitreißende Begeisterung und starke Bühnenpräsenz strahlen diese glücklichen Spielerinnen aus, wie sie dem Publikum gegenübertreten und bei der Weingärtner „Nationalhymne“ genauso inbrünstig mitsingen (manchmal auch mit falschen Tönen) und dabei ihre Hände sorgfältig auf der Brust halten.

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Besonders gelungen war die Kombination aus Paar-Präsentation, Einzelauftritt und Gruppen-Gestaltung, wobei dies nicht nur hintereinander, sondern teilweise auch parallel inszeniert wird, sodass sich im Vordergrund eine Szenerie abspielt und im Hintergrund gleichzeitig eine Parallel-Szene abläuft und die Zuschauer oft gar nicht wissen, wohin sie schauen sollen. Überall ist etwas los und überall passiert etwas, und obwohl das Thema doch ein sehr ernstes ist, gelingt es, diese spritzige Inszenierung mit diesen vielen kleinen und großen Leuten zu gestalten, sodass der Bauernkrieg wieder lebendig wird und auch Nachdenkliches zur heutigen Zeit aufwirft. Besonders viel Lachen erhielten die feinfühligen, witzigen und spielfreudigen Gänschen in ihren putzigen Kostümchen.

Insgesamt sahen die Zuschauer eine mehr als gelungene Premiere, bei dem der Spaß, aber auch das Gelingen gleichzeitig im Vordergrund stand.

Jutta Klawuhns geniale Idee besteht darin, Studierende, Kinder und Jugendliche so zusammen auftreten zu lassen, dass erstens die Studierenden durch ihre Rolle Spielpraxis bekommen, Theater bei sich selbst als Praktikum erfahren und sie zweitens eine Schülergruppe theaterpädagogisch betreuen. Diese Kleingruppen sind eine zweite Heimat für die Kinder und die Studis fühlen sich für die Sorgen und Nöte und für das Gelingen ihrer Gruppe verantwortlich. Die Kinder in diesen Kleingruppen sind mit ihren Texten in der Gruppe gut aufgehoben, kleinere Fehler oder gar Texthänger merkt man kaum, und die Schülerinnen und Schüler fühlen sich beim gemeinsamen Sprechen sicherer und treten viel präsenter auf.


Für Jutta Klawuhn entsteht ebenfalls eine „Win-Win-Situation“, da sie von den 50 zu betreuenden Spielerinnen und Spielern entlastet wird und sich mit ihrer Regieassistenz um die wesentliche Arbeit in der Gesamtkoordination kümmern kann. Seit mehr als zehn Jahren funktioniert dieses Konzept zwar nicht reibungslos, aber immer passend.

Großen Dank deshalb an Jutta Klawuhn, die mit unermüdlichem Eifer und einer Engelsgeduld ganz unterschiedliche Leute zusammenbringt und es ihr gelingt, ein gemeinsames Theater-Projekt einfallsreich zu inszenieren.

Dank vor allem an das mit einfühlsamer Musik begleitende Lehrkräfte-Ensemble VIVACE der Schule St. Christoph in Zußdorf, dessen zeitgenössisch aufbereitete Musikstücke für begleitende Abwechslung sorgen und die so notwendigen Umbaupausen wunderbar und genussreich untermalen.

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Dank auch an die Welfenfest-Kommission, die dieses schöne Welfentheater finanziert.

Und last but not least Dank auch an die Pädagogische Hochschule Weingarten, die seit über zehn Jahren das Welfentheater durch fächerübergreifend finanzierte Lehraufträge unterstützt. In Seminaren wird das Konzept des Welfentheaters vorgestellt und dafür geworben, und Studierende fertigen Projekte und Seminararbeiten zum Welfentheater an. Für die Durchführung des Seminars und der Supervision war das Team um Prof. Dr. Jürgen Belgrad zuständig, der seit mehr als 20 Jahren intensiv mit Jutta Klawuhn zusammenarbeitet.

Bei Ihrem Dank an die Hochschule zeigte Jutta Klawuhn zusammen mit der Vorsitzenden der Welfenfestkommission, Frau Parinda Staudacher-Rall,  kurz mit dem Publikum, wie ein Stimm- und Aufwärmtraining mit den Mitspielenden gemacht wird, und sie befanden danach: „Jetzt habt ihr euch alle qualifiziert und ihr könnt nächstes Jahr alle mitspielen!
Insgesamt eine gelungene Kooperation zwischen der pädagogischen Hochschule und der Stadt Weingarten, von der alle profitierten, und diese Zusammenarbeit erlaubte ein produktives und gleichzeitig genussreiches Erlebnis.

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Text und Fotos: Prof. Dr. Jürgen Belgrad

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