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Die andere Vernunft. Philosophie als transformative Praxis

Eine philosophische Reise mit Prof. Dr. Philipp Thomas...

251019 Cover

Die andere Vernunft. Philosophie als transformative Praxis.

Das Forschungsprojekt ‚Die andere Vernunft‘ untersucht die Potenziale eines postrationalistischen Vernunftbegriffs, insbesondere auch für die ethisch-philosophische Bildung. Als ein wichtiger Faktor für die Verengung des abendländischen Vernunftbegriffs wird die Verwissenschaftlichung der Philosophie seit der frühen Neuzeit ausgemacht (Francis Bacon, später Max Weber und Karl Popper). Doch auch die Aufklärung hat eine Fokussierung der Begriffe der Philosophie und der Vernunft auf das reine, aktive, konstruierende und intentionale Denken mit sich gebracht – und Fragen nach dem Schönen und Guten wurden von ihren traditionellen (kulturellen) Räumen abgeschnitten. Im Buch ‚Die andere Vernunft‘ wird diese Verengung der Vernunft an der ganz frühen Aufklärungskritik nachgezeichnet (Johann Georg Hamann, Johann Gottfried Herder, Moses Mendelssohn, Jean Paul, Friedrich Schiller).

Die Potenziale einer anderen Vernunft sind solche, die sich nicht in Argumenten und wahren Aussagesätzen (propositionales Wissen) erschöpfen. Es geht um die vielfältigen philosophischen Traditionen, die auf dem Wissenstyps eines nachpropositionalen Wissens beruhen: 

Platons Ideenschau, Aristoteles‘ phronesis, David Humes Moral Sense, Arthur Schopenhauers Beschreibung der Einheit mit dem Gegenüber und dann die Traditionen der Existenzphilosophie, der Hermeneutik, der Lebensphilosophie oder der Phänomenologie. Die Tiefe der Wirklichkeit wird hier ausgelotet und das Gute ist Arbeit an uns selbst. Das Ziel einer nachpropositionalen Philosophie geht weit über wahre Aussagesätze und die argumentative ‚Lösung‘ philosophischer Fragen hinaus. Philosophie tritt hier auf als transformative Praxis, so auch der Untertitel des Buchs. Im Sinne des Transformativen fragen wir etwa: Wie können wir uns dem Guten ‚anverwandeln‘ (Platon)?

Vernunft des Herzens und Herzensbildung

Die ethisch-philosophische Bildung versucht traditionell, jede Moralerziehung zu vermeiden, diese erscheint als konservativ und zu wenig an autonomes Denken gebunden. Aus der Politikwissenschaft-Didaktik ist zudem das Überwältigungsverbot bekannt und gilt auch für die Philosophiedidaktik. Nicht in einen Sinn für das Gute soll eingeführt werden, sondern das Selbstdenken soll erlernt werden: Pro und Contra Sterbehilfe oder Pro und Contra Schwangerschaftsabbruch, solche Diskussionen zur Schärfung der Urteilskraft sind zentral für die zeitgenössische ethisch-philosophische Bildung. Doch vor dem Hintergrund des Forschungsprojekts ‚Die andere Vernunft‘ stellen sich die Herausforderungen und auch die Möglichkeiten einer zeitgenössischen ethisch-philosophischen Bildung anders da. Die ZEIT berichtet in einem Artikel vom 01.04.2026 (S. 12f.) von Elon Musks Äußerung, das Problem der westlichen Gesellschaften sei zu viel Empathie. Auch habe Donald Trump gefallene amerikanische Soldaten als Loser bezeichnet. Wenn wir, auch angesichts der Hass-Kommentare auf Social Media, den Eindruck haben, das Problem unserer Kultur sei heute eine ‚Verrohung‘ des Miteinanders, dann können wir zugleich bezweifeln, dass sich dieses Problem lösen lässt durch eine Pro und Contra Diskussion, das Training des Argumentierens und der Urteilskraft. Zwar ist all das unabdingbar, doch es muss ergänzt werden durch eine Kultivierung unseres Moral Sense (David Hume). Die andere Vernunft, der breitere Vernunftbegriff, er umfasst auch so etwas wie die Vernunft des Herzens und in der philosophisch-ethischen Bildung können wir von Herzensbildung sprechen. Friedrich Schiller fragte schon 1795 in seiner Schrift ‚Über Ästhetischen Erziehung des Menschen‘:  „woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind?“ – nämlich trotz aller Aufklärung des Verstandes (1962, S. 331). Wir müssten, im Bild gesprochen, nicht nur mit dem Bein der Rationalität einen Schritt machen, sondern jetzt unbedingt auch mit dem anderen Bein, mit unserer Sensibilität und Empathie, mit unserem Empfindungsvermögen: „Ausbildung des Empfindungsvermögens ist also das dringendere Bedürfniß der Zeit“ (ebd., S. 332), dringender als die immer weitere Betonung einer Rationalität, die sich von allen Bindungen befreit hat, auch von allem ‚Sich-angehen-lassen‘ und Betroffensein. Statt einer Rationalität, die sich stets nur im Gegensatz zum Gefühl sehen kann, brauchen wir, so Schiller, die „Ausbildung des Empfindungsvemögens“ (s.o.). Im Forschungsprojekt ‚Die andere Vernunft‘ werden diese anderen Aspekte ethisch-philosophischer Bildung ausführlich dargestellt: Bildung als phänomenologisch-hermeneutisches ‚Ausloten‘ der Wirklichkeit, ästhetische Bildung, Herzensbildung und Weisheit.

Schiller, Friedrich. 1962. Ueber die Ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Schillers Werke Nationalausgabe Bd. 20.1, 309–412. Weimar: Böhlau.

 

Fragestellungen zu den beiden nachfolgenden Videos

Die beiden nachfolgenden Videos zum Thema Herzensbildung sprechen folgende Fragen an:

  • Weshalb hat es die Vernunft des Herzens in der Philosophie so schwer? 
  • Welcher Wissenstyp ist hier eigentlich genau angesprochen? 
  • Und: Können wir bei der Herzensbildung wirklich von einem Teil oder einer Spielart der Vernunft sprechen?

Was ist Vernunft des Herzens? (Video I)

Foto_ Video Vernunft des Herzens (I)

Was ist Vernunft des Herzens? (Video II)

Foto_ Video Vernunft des Herzens (II)

Ansprechpartner / Kontakt

Prof. Dr. Philipp Thomas
Fach Philosophie / Ethik
Tel: 0751 501 8215
Mail: Thomas01[at]ph-weingarten.de
 

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Philosophie verstehe ich als eine transformative, bildende Praxis – nicht nur als eine akademisch-wissenschaftliche. Es geht um Wissen und bestimmte Fähigkeiten, doch gleichermaßen darum, durch unser Philosophieren zu anderen Menschen zu werden: urteilsfähiger, aber auch im weitesten Sinn liebesfähiger – reflektierter, aber auch im weitesten Sinn menschlicher.
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