Seit mehr als 25 Jahren ist Emily Willkomm Mitglied des Ensembles im Klabauter Theater Hamburg. Sie war eines der bundesweit wenigen Kinder mit schwerer Mehrfachbehinderung, das in den 1990er Jahren eine Integrationsklasse in der Grund- und Gesamtschule besuchte. Emily kann sich mit Gestik und Mimik ausdrücken, nicht aber mit verbaler Sprache. Sie kann ihre Perspektive daher nicht selbst formulieren. 2024 veröffentlichte ihre Mutter Dorothea Willkomm gemeinsam mit Ines Boban und Professor Dr. Andreas Hinz das Buch „Klabauterin Emily Willkomm: Leben, Lernen und künstlerisches Tätigsein zwischen inklusiver Resonanz und exklusiver Ignoranz“. Mehr als 40 Personen, die Emily ein Stück begleitet haben, zeichnen in dem bei der Lesung an der PH vorgestellten Sammelband mit Briefen, Gedichten, Geschichten und Beobachtungen aus verschiedenen Zusammenhängen ein vielgestaltiges Bild von Emilys Leben. Emilys Lebensgeschichte erzähle von Resonanz, Begegnung und Möglichkeiten, aber auch von Ausgrenzung und Ignoranz, sagte Dr. Juliana Gras, Akademische Rätin im PH-Fach Erziehungswissenschaft, in ihrer Begrüßung. Ines Boban und Andreas Hinz seien langjährige Vertreter und Koryphäen eines unaufgeregten, aber hoch engagierten Inklusionsdiskurses. „Seit Jahrzehnten setzen sich die beiden intensiv mit Fragen von gemeinsamer und vor allem demokratischer Bildung, Vielfalt und Inklusion auseinander und gestalten diese maßgeblich mit“, so Juliana Graf. Emilys Mutter Dorothea Willkomm kennen Boban und Hinz aus den Zeiten der Elternbewegung für Integration in den 1980er Jahren, bei der Dorothea Willkomm als Mutter aktiv war, um Emily nach dem Besuch des integrativen Kinderladens eine entsprechende Fortsetzung in der Grundschule zu erkämpfen. Die Lesung zum Buch „Klabauterin Emily Willkomm“ begann mit Patricia Netti, die mit Boban und Hinz seit vielen Jahren verbunden ist. Gemeinsam haben sie in der Corona-Zeit ein Buch erarbeitet, das Patricias Lebensweg nachzeichnet – als Frau mit Down-Syndrom und unbefristet beschäftigte technische Mitarbeiterin in einer Gemeinschaftsschule im Allgäu. Patricia Netti hat auch das Geleitwort zum Emily-Buch geschrieben – „für alle Autoren um Emily herum“. Überzeugend authentisch und selbstsicher las sie daraus vor. Sie persönlich finde, man solle sehr vorsichtig sein, wenn man ein solches Buch herausgebe. Um über jemanden zu schreiben, der sich verbal nicht ausdrücken kann, brauche es viele, die mitmachen. Aus diesem Grund seien Menschen aus allen Lebensbereichen Emilys – aus ihrer Familie, ihrem direkten Umfeld, ihrem Freundeskreis, ihrer Schul- und Freizeit, aus Wohnheim und Wohngruppe oder auch aus ihrer Theaterarbeit – in die Entstehung des Buchs mit einbezogen worden, erzählte Andreas Hinz. Bezugspersonen wie Emilys Mutter, Lehrer und Freunde, Unterstützer und Wegbegleiter kamen in der Lesung mit berührenden und kritischen Beschreibungen zu Wort. Die Berichte zeigen, wie viel Einfluss ein durch Mehrfachbehinderung scheinbar hilfloser Mensch auf Personen, die mit ihm zusammenleben oder arbeiten, haben kann und dass Emily in persönlichen Begegnungen eine sehr große Wirkungskraft erzeugt. Beeindruckend waren die in der Lesung begleitend gezeigten Fotos, die Emily in ganz unterschiedlichen Kontexten zeigen: in der Familie, im Kinderladen, in der Schule, bei Theaterproben oder bei Veranstaltungen. In dem Buch erzählt Emilys Mutter von den schwierigen Anfangsjahren, dem Alltag mit Emily und den Versuchen, mit ihr zu kommunizieren und ihre Reaktionen zu deuten. Von Anfang an sei sie der Meinung gewesen, dass es richtig sei, mit Emily – ihrem jeweiligen Alter entsprechend – zu sprechen in der Annahme, dass sie versteht. Zeugnisse aus der Grundschul- und Gesamtschulzeit bescheinigen Emily Wachheit, Aufnahmebereitschaft und Fröhlichkeit. Sie ist bei ihren Klassenkameraden beliebt, genießt das Zusammensein und in der Freizeit das Theaterspiel. Als sich für Emily die Möglichkeit ergibt, das Theaterspielen zum Beruf zu machen, nehmen ihre Eltern sie während des zehnten Schuljahrs aus der Gesamtschule. Emily wird schließlich Klabauterin. Florian Polzin, der im 8. Schuljahr Zivi bei Emily war, sie lange bei Freizeitaktivitäten begleitete und nun als festangestellter Musiker bei Klabauter immer für sie da ist, hat ein bewegendes Gedicht über Emily geschrieben. „Emily braucht nicht zu sprechen, ihre Präsenz genügt“, schreibt er und: „Ein Lächeln von Emily sagt mehr als viele Monologe.“ Manchmal sei sie auch launenhaft, schaffe es, mehrere Leute auf einmal zu binden – „eine echte Diva, von Zeit zu Zeit“. Die Lesung habe berührt, zum Nachdenken angeregt und den hohen Stellenwert von Inklusion anschaulich vor Augen geführt. Inklusion und Demokratie seien eng miteinander verbunden, gab ZeBiP-Direktor Professor Dr. Gregor Lang-Wojtasik abschließend zu bedenken und bedankte sich bei allen Akteuren für die bewegende Lesereise.
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Text und Foto: Barbara Müller
