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Schluss mit Verunsicherung, Vorurteilen und Ignoranz!

Die Pädagogische Hochschule Weingarten setzt mit dem Verein Sinti Powerclub Ravensburg das Projekt „Sinti Powerbotschafter“ um

Auf diesem Foto sind zwei Jugendliche während Dreharbeiten mit Kameraleuten zu sehen.
Auf diesem Foto ist ein Vortrag des Sinti Powerclub e.V. zu sehen. Mehrere Jugendliche sitzen während eines Vortrags im Publikum und werden dabei von einem Kamerateam begleitet.

Seit über 600 Jahren leben Sinti und Roma in Deutschland. Oft werden die beiden in einer Minderheit zusammengefassten Gruppen ausgegrenzt, häufig wurden sie verfolgt. In der Zeit des Nationalsozialismus waren sie Opfer staatlicher Vernichtungspolitik, welche einen Genozid aller Sinti und Roma zum Ziel hatte. Am 16. Dezember 1942 unterzeichnete Heinrich Himmler den sogenannten „Auschwitz-Erlass“, der die Deportation von Sinti und Roma aus ganz Europa in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau anordnete. Insgesamt über 500.000 Sinti und Roma wurden schließlich ermordet, darunter auch Menschen aus Ravensburg und Weingarten.

„Die Auseinandersetzung mit uns und unserer Geschichte darf aber nicht auf dieses Datum reduziert werden“, so Natalie Reinhardt, Vorsitzende des 2017 gegründeten gemeinnützigen Vereins Sinti Powerclub e. V. mit Sitz in Ravensburg: „Die Erinnerungskultur muss Konsequenzen auch für die Gegenwart haben, wenn sie mehr sein soll als eine Gewissensberuhigung der Mehrheitsgesellschaft.“

Die ersten deutschen Sinti wurden bereits 1407 im Hildesheimer Grundbuch erwähnt und sie sind seitdem ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft, Kultur und Geschichte. Natalie Reinhardt: „Wir gehören seit 600 Jahren zur Bevölkerung und werden dennoch als Menschen mit Migrationshintergrund und Integrationsbedarf behandelt. Diese Exotisierung ist ein Merkmal des Antiziganismus, der in vielen Teilen der Gesellschaft präsent ist und einer Partizipation der Minderheit strukturell im Weg steht.“

Aufklärung, aber auch ein ziviler Umgang mit kultureller Pluralität in einem demokratischen Gemeinwesen sind Ziele des Projekts Sinti Powerbotschafter, das Ende 2020 ins Leben gerufen wurde und bei dem die Pädagogische Hochschule Weingarten (PH) Projektpartner ist. „Wir wollen junge Sinti darin unterstützen, in einem oft durch Unsicherheit und auch Vorurteile oder Ignoranz geprägten mehrheitsgesellschaftlichen Kontext selbstbewusst über ihre nüchtern betrachtet selbstverständliche Situation zu sprechen“, sagt Dr. Sven Rößler, Vertreter der Professur für Politikwissenschaft und ihre Didaktik. Der Politische Bildner begleitet zusammen mit seinem Kollegen Lukas Barth das Projekt fachdidaktisch. „Wir sehen die jungen Leute als Expertinnen und Experteninnen ihres Alltages und stehen ihnen in der didaktischen und methodischen Umsetzung ihrer Ideen, Wünsche und Anliegen zur Seite“, so Dr. Rößler. Neue Formate zur Materialentwicklung hätten aufgrund der pandemischen Situation in den vergangenen zwei Jahren hier erprobt werden können.

Das durch das Bundesprogramm Demokratie leben! geförderte Sinti-Powerbotschafter-Projekt wurde Anfang Oktober auf dem Jugendkongress des Bündnisses für Demokratie und Toleranz vorgestellt. Im Begleitprogramm der Ausstellung „Ausgrenzung und Verfolgung – Ravensburger Sinti im Nationalsozialismus“ im Ravensburger Museum Humpis-Quartier wurde im September zudem mit Unterstützung der Landesstiftung Baden-Württemberg ein Workshop angeboten, in dem Sinti Powerbotschafter über Grundbegriffe rund um das Thema Sinti aufklärten und einen Überblick über ihre Geschichte gaben. Der Workshop war schnell ausgebucht und fand durchweg positive Resonanz. Die Veranstaltung stand im Zentrum einer rund zehnminütigen WDR-Reportage für 9einhalb, ein speziell für Kinder und Jugendliche entwickeltes gesellschaftspolitisches Reporter- und Nachrichtenmagazin. „In der WDR-Produktion ‚Sinti und Roma – Wie Powerbotschafter gegen Vorurteile kämpfen‘ gab es eine enge Abstimmung mit uns Projektverantwortlichen. Sie kommt infolgedessen völlig ohne das ‚Z-Wort‘ aus – ein Meilenstein“, so Rößler. Durch das Projekt sei für den Arbeitsbereich mittlerweile ein wichtiges Netzwerk entstanden, das es weiter auszubauen gelte.

Für das zweite Quartal 2022 soll die Ausstellung des Zentralrates zur Bürgerrechtsbewegung der bundesdeutschen Sinti und Roma nach Weingarten geholt werden. „Wir möchten als aktiver Teil der Bevölkerung sichtbar werden und eine lebendige Informations-, Erinnerungs- und Gedenkkultur fördern – ohne Opferstigmatisierung“, betont Natalie Reinhardt. Der Verein Sinti Powerclub ist ein christlicher Kinder- und Jugendverein von und für Sinti. Er unterstützt unter anderem junge Menschen in der Community auf ihrem Weg zu einer erfolgreichen Bildungsbiografie durch Empowerment und Bildungsberatung. „Wir legen großen Wert auf regionale Vernetzung. Seit 2019 sind wir deshalb Mitglied im Kreisjugendring und seit 2018 Kooperationspartner der Städte Ravensburg und Weingarten bei der Durchführung von Veranstaltungen und Projekten“, berichtet Natalie Reinhardt. Auch eine weitere Zusammenarbeit der PH Weingarten und des Sinti Powerclubs in Forschung, Studium und Lehre ist geplant. So soll beispielsweise die Entwicklung von Unterrichtsmaterialien für Lehrkräfte zum Thema Sinti fortgesetzt werden. „Und es wird auch studentische Projekt- und Abschlussarbeiten geben“, ist sich Rößler sicher.

Weitere Informationen zum Sinti-Powerprojekt und zur Politischen Bildung an der PH Weingarten: https://sinti-powerclub.de/powerbotschafter/ und https://politikwissenschaft.ph-weingarten.de/forschung/sinti-powerbotschafter/

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