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„Wir müssen ganzheitlich über Kinderarmut denken“

22.12.2020 Von: Barbara Müller

Bestsellerautor Jeremias Thiel sprach in einer Online-Vortragsveranstaltung der Pädagogischen Hochschule Weingarten über Fakten, politische Zwänge und mögliche Lösungsansätze zur Bekämpfung von Kinderarmut in Deutschland


Auch die traditionelle Akademische Jahrfeier der Pädagogischen Hochschule Weingarten (PH) fiel in diesem Jahr der Corona-Pandemie zum Opfer. Doch das Rektorat der Hochschule auf dem Martinsberg ließ sich etwas anderes einfallen und bot als alternative Veranstaltung einen außergewöhnlichen Online-Vortrag an. Mehr als 60 Meeting-Teilnehmer folgten den Ausführungen des aus den USA zugeschalteten Bestsellerautors Jeremias Thiel zum Thema Kinderarmut in Deutschland. Sie habe ein Interview mit Thiel gehört und sich spontan entschlossen, mit ihm Kontakt aufzunehmen, um ihn als Referenten zu gewinnen, sagte PH-Rektorin Karin Schweizer in ihrer Begrüßung. Dieser Vortrag zu von Armut geprägten Lebenssituationen von Kindern in Deutschland sei etwas ganz Besonderes, da er auf persönlichen Erfahrungen basiere und Thiel das Thema aus autobiografischer Perspektive behandle.

Er wolle die Stimme der Ungehörten sein und seine Zuhörer für das Thema Kinderarmut sensibilisieren, sagte Jeremias Thiel. „Ich weiß, wie sich Armut anfühlt und warum ich über Armut spreche.“ Thiel wurde 2001 in Kaiserslautern geboren und wuchs unter schwierigen Bedingungen auf. Seine Eltern seien psychisch krank, langzeitarbeitslos und lebten von Hartz IV. „Das Geld war immer knapp“, erzählt er. Schon früh sei er gezwungen gewesen, die Elternrolle und damit wichtige Aufgaben im Familienhaushalt zu übernehmen. „Ich hatte zunehmend Angst, der Armut und der Verwahrlosung, die in unserer Familie herrschten, niemals entkommen zu können“, erklärt er seinen Entschluss, im Alter von elf Jahren seine Familie zu verlassen und zum Jugendamt zu gehen. Von da an lebte Thiel in einem SOS-Kinderdorf und machte als Stipendiat am privaten UWC Robert Bosch College in Freiburg sein Abitur. Derzeit studiert er Umwelt- und Politikwissenschaften am renommierten St. Olaf College in Minnesota. Sein im März erschienenes Buch „Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance: Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss“, fand schnell öffentliche Aufmerksamkeit und eroberte die Bestsellerlisten.

Wer über Kinderarmut spreche, müsse auch über Hartz IV sprechen, sagte Thiel, der die digitalen Meeting-Teilnehmer immer wieder mit Kurz- und Schätzungsumfragen in seinen Vortrag mit einbezog und auch Fragen beantwortete. Als von Armut betroffen würden nach aktuellen Auslegungen zunächst alle Empfänger von Sozialleistungen definiert. Als arm gelten aber auch nach einer weiteren Definition alle Haushalte, die weniger als 60 Prozent der durchschnittlichen Einkommen aller Haushalte zur Verfügung haben. „In Deutschland ist aktuellen Untersuchungen zu Folge jedes fünfte Kind armutsgefährdet“, so der Referent. Bewertungen wie: „Hartz IV reicht für den Lebensunterhalt“, „Das Geld kommt nicht bei den Kindern an“ oder „Nicht Armut ist das Hauptproblem der Unterschicht, sondern massenhafter Konsum von Food und TV“ zeigten zudem ein von Vorurteilen geprägtes, weitverbreitetes Bild in Politik und Gesellschaft, betonte Thiel und zitierte neben anderen die Aussage von Minister Jens Spahn: „Hartz IV bedeutet nicht Armut.“ In diesem Jahr liege der Hartz-IV-Regelsatz bei 432 Euro (2021: 446 Euro) für eine alleinstehende Person ohne Kinder, gab Thiel zu bedenken. Der geringste Teil des Regelsatzes entfalle mit wenig mehr als einem Euro auf die Bildung, sagte er und verwies auf Chancenungleichheit und Bildungsungerechtigkeit. Die schulischen Leistungen von Kindern aus einkommensschwachen Familien seien nachweislich schlechter. „Nur 2 Prozent der Kinder aus der Unterschicht und 5 Prozent aus der Mittelschicht besuchen ein Gymnasium“, kritisierte er. Kinderarmut basiere auf einer Mischung von materieller und emotionaler Unterversorgung, so der Referent weiter. „Kinder spüren die Armut. Die Wahrnehmung der Benachteiligung wird – nicht zuletzt durch Mobbing und Ausgrenzung – mit zunehmendem Alter größer“, berichtete er aus eigener Erfahrung.

Als mögliche Ursachen anhaltender Kinderarmut nannte Thiel „mangelndes Wissen von Politikern, fehlendes Interesse und eine Relativierung der Armut“, die schlechte Finanzausstattung strukturschwacher Kommunen, gesellschaftliche Aufteilung und Ausgrenzung, eine bestehende Ignoranz und das gegliederte Bildungssystem. „Wir müssen ganzheitlich über Armut denken“, sagte er und forderte dazu auf, alle Armutsfacetten zu berücksichtigen. Lösungsansätze wie beispielsweise die Neuverteilung von Steuern, ein Kindersolidaritätszuschlag, mehr Förderung von Ganztagesschulen, die Einführung von Mentorenprogrammen, die Implementierung von Talentfonds oder auch die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz müssten dringend weiter diskutiert und dann auch umgesetzt werden.

In anschließenden Breakout-Sessions tauschten sich Meeting-Teilnehmer zu ersten Ideen und möglichen Maßnahmen zum Abbau von Bildungsungerechtigkeit aus. Angeregt wurden unter anderem spezifische Vorkurse, gruppenbezogene Mentorings, spezielle Bildungsangebote für Benachteiligte, Austausch und gegenseitige Unterstützung von Studierenden aus gleichen Lebensräumen, höhere Bildungszuschüsse oder auch die Entwicklung nachhaltiger Netzwerke.


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