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Entscheidende Rolle bei der Digitalisierung in der Lehrerbildung

04.07.2020

Ein Gespräch mit dem neuen Hochschulratsvorsitzenden Dr. Walter Döring


Der Hochschulrat der Pädagogischen Hochschule Weingarten hat Dr. Walter Döring zum neuen Vorsitzenden gewählt. Pressereferent Arne Geertz sprach mit dem ehemaligen Wirtschaftsminister und ehemaligem stellvertretenden Ministerpräsidenten Baden-Württembergs über die Rolle und Perspektiven der PH Weingarten, über Schulabbruch, Digitalisierung und den gesellschaftlichen Wandel.

Arne Geertz: Herr Döring, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl zum Vorsitzenden des Hochschulrats der PH Weingarten. Als ehemaliger Wirtschaftsminister des Landes Baden-Württemberg und Gründer der Akademie Deutscher Weltmarktführer haben Sie sehr gute Kontakte in die Wirtschaft. Aber was verbindet Sie mit der PH Weingarten?

Dr. Walter Döring: Professor Dr. Stefan König, ein Studienkollege, mit dem ich Handballtrainer-Lehrgänge gemacht habe und seit Jahrzehnten sehr eng freundschaftlich verbunden bin. Er hat mich mal vor längerer Zeit auf die PH und den Hochschulrat angesprochen und mir erzählt, wie gut die PH ist, was die alles macht, wie wohl er sich dort fühlt und ob ich nicht Interesse und Lust hätte, im Hochschulrat mitzuarbeiten.

Außerdem bin ich selbst ausgebildeter Lehrer, also einer PH nicht gänzlich fremd, auch wenn ich in Tübingen studiert habe. Von daher war die Verbindung dann hergestellt und ich habe mich gefreut, dass ich in den Hochschulrat gewählt wurde.

Geertz: Aktuell steht nicht nur die Hochschule, sondern auch die Schulen durch die Corona-Krise vor großen Herausforderungen. Es zeigt sich jetzt leider schmerzhaft, dass viele Schulen im Bereich Digitalisierung in Deutschland auch einen gewissen Nachholbedarf haben. Welche Rolle kann aus Ihrer Sicht die PH bei der Digitalisierung der Schulen spielen?

Döring: Ich glaube, dass die PH Weingarten eine ganz entscheidende Rolle einnehmen wird bei der Ausbildung von angehenden Lehrern im Bereich Digitalisierung. Da geschieht schon eine ganze Menge. Jetzt wird es darum gehen, dass das weiterentwickelt wird, dass man die Mittel, die der Bund zur Verfügung stellt, hoffentlich auch so umlenken kann, dass sie auch einer Lehrerausbildungshochschule wie der PH zur Verfügung gestellt werden. Und ich habe auch großen Wert darauf gelegt, dass wir mit Dr. Valentin Langen einen sehr digital affinen Manager – deutlich jünger als ich – in den Hochschulrat der PH bekommen. Über die Professoren und über den Hochschulrat wird das Thema Digitalisierung in der Lehrerbildung mit Sicherheit in den nächsten Jahren ein Schwerpunktthema sein.

Geertz: Lehrerbildung ist ein wichtiges Stichwort. Viele glauben, mit Digitalisierung ist es getan, wenn man für viele Millionen Euro Tablets und Laptops anschafft und an die Schülerinnen und Schüler verteilt. Wie sehen Sie das?

Döring: Damit ist es natürlich überhaupt nicht getan. Erfreulicherweise ist es ja schon noch notwendig, zu wissen, wie bringe ich als Lehrer den Stoff didaktisch rüber, wie bringe ich es pädagogisch rüber? Und spätestens da wird deutlich, wie wichtig eine Pädagogische Hochschule ist, um gerade auch die Zukunftsthemen von Grund auf optimal zu besetzen.

Geertz: Sie haben sich in Ihrer Zeit als Mitglied des Hochschulrats schon spürbar an der PH engagiert. So haben Sie zusammen mit Professorin Dr. Cordula Löffler und Professor Dr. Michael Henninger ein Forschungsprojekt zum Bildungsabbruch initiiert. Was ist das Ziel des Projekts und warum liegt Ihnen dieses Thema am Herzen?

Döring: Neben den beiden bundesweit anerkannten Experten Frau Löffler und Herrn Henninger ist auch die Studienleiterin Julia Fischer unbedingt zu erwähnen. Sie macht jetzt die Arbeit vor Ort in den Schulen quer durch das Land Baden-Württemberg. Man muss nur mal die Zahlen nüchtern betrachten: 50000 Schulabbrecherinnen und –abbrecher Jahr für Jahr, bedauerlicherweise seit X Jahren eine ziemliche Konstante. Das sind 50000 Einzelschicksale pro Jahr. Ich möchte nicht wissen, was in den Elternhäusern vorgeht, wenn die Kinder die Schule abbrechen. Und was die Perspektiven angeht, bezüglich Ausbildung und dann Beruf – das ist verheerend. Wenn es uns gelingt, hier eine bundesweit einmalige Studie in den nächsten zwei, drei Jahren abzuschließen und dann auch zur Grundlage von Ausbildung, Bildung, Weiterbildung und zur Verhinderung von Schulabbruch zu machen und wir nur die Hälfte von den 50000 jedes Jahr in Ausbildung und Beruf bringen, wäre das schon ein Riesenerfolg.

Geertz: Ein weiteres Thema ist der gesellschaftliche Wandel, der sich zurzeit gefühlt überschlägt. Wir haben schon seit einigen Jahren den Megatrend der Digitalisierung. Wir haben den Klimawandel, der Lösungen braucht. Und wir haben zu alledem jetzt völlig überraschend mit einer Corona-Krise zu tun, die uns vor ganz neue Herausforderungen stellt. Wie sehen Sie denn in dieser Zeit des Umbruchs die PH Weingarten aufgestellt und wo sehen Sie Chancen für die Weiterentwicklung der PH?

Döring: Ich glaube, dass die PH gerade jetzt in so einer Situation eine ganz entscheidende Rolle im gesamten Ausbildungs- und Bildungsbereich spielen kann. Ich denke es geht darum, dass wir den Menschen, den jungen Menschen, die jetzt im Studium sind, klar und deutlich machen, dass es auf Eigenverantwortung ankommt – mir geht es gerade ein bisschen zu stark in die Richtung: Der Staat wird alles richten. Ich glaube, dass es auch ein wichtiges Thema ist, zur Menschenbildung und Heranbildung auf Eigenverantwortung zu setzen. Das gehört in eine Bildungswissenschaftliche Hochschule unbedingt mit hinein, gerade bei jungen Menschen, die dann noch jüngere ausbilden und weiterbilden sollen. Ich bin mir ganz sicher, dass die Schule, die Grundschulen, die Realschulen und die Gymnasien, eine ungeheure Bedeutung in den nächsten Jahren bekommen werden, die sicher noch steigen wird. Man sieht ja jetzt gerade, welche Lücken entstehen, wenn die Beschulung nicht stattfinden kann. 

Geertz: Also Bildung ist hier der wichtige Schlüssel zum Erfolg. Die PH als Bildungswissenschaftliche Hochschule sieht dies natürlich als ihre Kernaufgabe in der Lehrerbildung sowie in anderen Studiengängen und auch in der Forschung und kann hoffentlich einen guten Beitrag dazu leisten.

Döring: Mit Sicherheit. Es kommt auch hinzu, dass der gesamte trinationale und internationale Bereich von der PH sehr offensiv und mit großem Engagement abgedeckt wird. Da wird die PH meiner Meinung nach etwas unter Wert gehandelt, bedauerlicherweise vor allem in der Wirtschaft. Die Wirtschaft sieht offensichtlich eine PH Weingarten als eine klassische Hochschule für die Lehrerausbildung. Aber ohne gute Lehrer keine guten Schüler, keine guten Ausbildungsabschlüsse, keine guten Mitarbeiter. Ich glaube, das muss man der Wirtschaft noch ein bisschen mehr deutlich machen.

Geertz: Herr Döring, haben Sie vielen Dank für das Interview.

Zur Person

Dr. Walter Döring war von 1996 bis 2004 Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident Baden-Württembergs. Seitdem ist er als Aufsichts- und Beirat sowie Advisor für verschiedene Unternehmen tätig und gründete im Jahr 2012 die ADWM GmbH, die Akademie Deutscher Weltmarktführer. Döring studierte Geschichte und Anglistik an der Universität in Tübingen und promovierte zum Dr. phil.. Von 1982 bis 1988 war er im Schuldienst. Er lebt in Schwäbisch Hall.

Foto: H. Kumpf

 

 


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