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Individualisierte religiöse Vergewisserung

Beteiligte Institutionen:          Evang. Theologie Pädagogische Hochschule

                                            Weingarten

                                              

Projektleitung:            Prof. Kunstmann

 

Laufzeit:                      Ende 2013

 

Finanzierung:              Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

 

Kurzbeschreibung:

Mit den Begriffen „Pluralisierung und „Individualisierung lassen sich nach wie vor die soziologischen Großtrends der Moderne beschreiben. Sie betreffen alle Lebensbereiche. Ausgerechnet im Bereich der religiöser Vergewisserung und Lebensgestaltung, dem exemplarisch privaten Bereich neben der sexuellen Selbstbestimmung, bleibt die Individualisierung bisher aber ohne überzeugende Perspektive. Religiöse Selbstzuschreibungen und Vergewisserungen bleiben den einzelnen Individuen überlassen, ohne dass dafür überzeugende Erfahrungen und förderliche Kommunikationskontexte vorhanden wären.

Wie eine individuell verantwortete und gestaltete Form von Religion unter spätmodernen Lebens- und Denkbedingungen gelingen kann, und schon dass sie überhaupt möglich und erlaubt sei, ist derzeit eine offene Frage. Religiöse Individualität wird von Seiten der Kirchen durch den Druck zur Übereinstimmung mit den kirchlichen Vorgaben ersetzt und weder gewollt noch gefördert. Sie bleibt den Einzelnen überlassen und verflüchtigt sich schnell.

Das Projekt versucht den Weg zur Beschreibung einer autonomen Religiosität jenseits von kirchlicher Eingliederung einerseits und von immer offen bleibender religiöser Suche andererseits. Damit will es keineswegs eine Rückwendung zu klassischen Mustern der Frömmigkeit propagieren und auch keine Apologie von Kirche und religiöser Tradition betreiben – auch wenn diese z.T. als wertvoll eingeschätzt werden. Der Blick auf die eigene religiöse Tradition ist ein religions-kritischer: alle religiösen Traditionen und Vermittlungsformen sind konsequent als Mittel zum Zweck verstanden. Sie müssen der Vergewisserung und dem Leben der Menschen dienen; Zweck kann nicht die religiöse Kultur selbst sein. Für deren individuelle Aneignung und Verantwortung bräuchte es freilich plausible Muster, die in der stark glaubens- und kirchenzentrierten christlichen Tradition kaum gepflegt wurden.

Dass für derartige Muster in Zeiten radikaler Individualisierung ein starker Bedarf besteht, zeigen vor allem die massiv anwachsenden psychischen Erschöpfungserscheinungen (Burnout, Schlaflosigkeit, Depressivität, Angststörungen, innere Leere, Unruhe usw.). Das säkulare Leben orientiert sich funktional an Erfolg und Intensität. Die entsprechenden Optimierungsstrategien (Beschleunigung der Arbeitsprozesse, körperliche Fitness, Design usw.) führen zu einem umfassenden Verschleiß von Ressourcen, Zeit, psychischer Energie und Würde. Burnout scheint keine Folge von Leistungsdruck, sondern von Sinnverlust zu sein.

Als Antwortreservoir steht grundsätzlich nur die Religion bereit, da Philosophie, Therapiemarkt und Kunst nicht im vergleichbaren Maße über traditions-codierte Existenzerfahrungen und entsprechende Ritualisierungen, Darstellungsformen und Kommunikationsstrukturen verfügen. Freilich kann eine Einweisung in feste religiöse Kontext gerade nicht mehr das sein, was Menschen heute brauchen. Die Idee ist daher konsequenter Weise diese: das Individuum muss Religion selbst verantworten und sie um der eigenen Vergewisserung willen auch in irgend einer Weise gestalten können. Diese Sicht ist trotz ihrer nahe liegenden Logik ebenso ungewohnt wie vor allem ungeübt.

 

 
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