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Das Thesenpapier

Das Thesenpapier

 

Selbstverständlich gibt es ganz unterschiedliche Funktionen und Formen von Thesenpapieren, von den individuellen Vorstellungen der Lehrenden ganz zu schweigen.

Um ein wenig Klarheit zu schaffen, will dies Informationsblatt zeigen, welchen Anforderungen ein Thesenpapier genügen muss, das ein Referat in einer Lehrveranstaltung begleitet. Thesenpapiere zu Referaten sind obligatorisch, wenn jemand einen Leistungsnachweis erwerben will.

 

Achtung  Dies Infoblatt ersetzt in keiner Weise inhaltliche und methodische Entscheidungen des/der Referierenden darüber, wie sein/ihr Referat zum konkreten Thema sinnvoll durch sein Thesenpapier unterstützt werden kann.

 

Die Funktion eines Thesenpapiers

Ein Thesenpapier erfüllt im Zusammenhang von Lehrveranstaltungen in der Regel eine Doppelfunktion:

1.     Es unterstützt einerseits die  Seminarteilnehmer/innen (und die/den Referierende/n) bei der Vorbereitung der  Sitzung sowie bei der Aufnahme und Verarbeitung des Referates (Gebrauchswertorientierung: didaktisch-methodische Funktion)

2.      Andererseits verkörpert und dokumentiert es einen Teil der Leistung scheininteressierter Referierender (Tauschwertorientierung: studienökonomische Funktion).

 

Die These und die Funktion von Thesen

Eine These ist eine Behauptung, die begründungs- oder beweisbedürftig ist. Tatsachen und Selbstverständlichkeiten können nicht Inhalt von Thesen sein. Der Satz „ Die Deutsche Bundesbank ist die Zentralbank der Bundesrepublik Deutschland“ ist deshalb keine These. Thesen werden kurz, exakt und prägnant formuliert. Einer These kann man eine kurze Begründung und/oder einen kurzen Kommentar hinzufügen.

 

Eine bekannte fachliche ökonomische These lautet z.B.: „Freier Wettbewerb ohne staatliche Wettbewerbsordnung tendiert dazu, sich selbst aufzuheben.“

 

Eine gängige fachdidaktische These heißt z.B.:

„Konsumenten sind Produzenten strukturell unterlegen. Deshalb sollen Lernende durch den Wirtschaftslehreunterricht zu kompetenten, selbstbewussten und kritischen Konsumenten erzogen werden.“

 

Das zweite Beispiel enthält eine Begründung, das erste nicht. Die erste These kann man beweisen, bei der zweiten lässt sich streng genommen nur die Begründung beweisen; die fachdidaktische Forderung nach kritischer Konsumentenerziehung kann man begründen, z.B. indem man sich auf allgemeine Bildungsziele bezieht.

 

Thesen kann man für zwei Funktionen verwenden:

1.    Informationsfunktion

2.    Aktivierungsfunktion

 

Thesen sollen für Dritte (Leser, Teilnehmer) die zentralen Aussagen von Autorinnen oder Texten prägnant zusammenfassen (Informationsfunktion) oder/und sie sollen zur Diskussion anregen und  Diskussion strukturieren (Aktivierungsfunktion). Bei Referaten in Lehrveranstaltungen steht oft die Informationsfunktion im Vordergrund. Meist steht die Informationswirkung einer These (eher längere und differenziertere These) in einem umgekehrten Verhältnis zu ihrem Aktivierungseffekt (eher kurze und einseitigere These).

 

 

Die zwei Arten eines Thesenpapiers

 

1. Das informierende Thesenpapier („Informationsthesen“)

Das Thesenpapier mit vorwiegender Informationsfunktion bildet den Normalfall im Studienalltag. „Informationsthesen“ geben nicht die Auffassung des Referierenden wieder, sondern die Auffassungen anderer, in der Regel in der Literatur vertretene Positionen zu einem Thema, einem Problem oder einer Fragestellung

„Informationsthesen“ enthalten keine Beurteilung oder Wertung durch den Referierenden; selbstverständlich stellen sie auch relevante Beurteilungen und Werte aus den vorzustellenden Texten dar.

 

„In erster Linie ist die Erstellung solcher Thesenpapiere eine Form der Verarbeitung von Texten (…)“

(Stary 1985, 2).

 

Informationsthesen informieren knapp über Fakten und Zusammenhänge, Modelle und Theorien, die in Texten dargelegt werden. Informierende Thesen haben die Aufgabe, die Informationen aus den zugrunde gelegten Texten so zu verdichten, dass sie den Seminarteilnehmern eine Strukturierungshilfe und Gedächtnisstütze bieten sowie ihnen die Anfertigung eigener Notizen erleichtern. Diese Thesenform leistet also vor allem eine straffe Wiedergabe von Kernaussagen wissenschaftlicher (fachlicher und fachdidaktischer) Texte. Wenn sich die Positionen in oder zwischen den Texten widersprechen, schlägt sich das in kontroversen Thesen nieder.

 

Zugleich sollen informierende Thesenpapiere eine sehr knapp, aber solide informierende Startbasis bilden, wenn sich jemand später mit dem Thema, welches das Thesenpapier darstellt, beschäftigen will. Deshalb sind exakte Literaturhinweise auf wenige, aber wichtige Titel unverzichtbar.

 

Meist empfiehlt es sich, zusätzlich zu den informierenden Thesen eine oder einige Thesen zur Diskussion anzufügen. Gute Thesenpapiere enthalten über die Wiedergabe der Kernaussagen hinaus Schlussfolgerungen aus diesen Thesen. Schlussfolgernde Thesen geben Denkanstöße und dokumentieren die persönliche Stellungnahme und Beurteilung durch die Referierenden. Schlussfolgerungs- und Diskussionsthesen können durchaus zusammenfallen.

 

 

2. Das aktivierende Thesenpapier („Diskussionsthesen“)

Thesen in einem Diskussionspapier stellen die Position(en) des/der Referierenden einer Gruppe zur Diskussion. Damit müssen Diskussionsthesen zwei Funktionen erfüllen: sie müssen die persönliche Position prägnant formulieren (Informationsfunktion) und Sie müssen Dritte zur eigenen Stellungnahme anregen (Aktivierungsfunktion).

 

Auch zu Diskussionsthesen kann man Begründungen hinzufügen; man kann allerdings auch darauf verzichten, und sich auf provokante Thesen beschränken, deren – oft auch unterschiedliche – Begründung(en) dann von den Referierenden in der Diskussion angebracht und ausgeführt werden können.

 

Diskussionsthesen können durch Fragen für die Diskussion zum Referat ergänzt oder ersetzt werden. Gut durchdachte Leitfragen erleichtern eine sinnvoll strukturierte Diskussion erheblich.

 

 

Formale Aspekte des Thesenpapiers

 

Nimmt man die oben vorgestellten Funktionen ernst, sollte ein Thesenpapier mindestens die folgenden Bestandteile erhalten:

 

  • Kopf (Grunddaten)
  • Gliederung des Vortrags
  • Thesen (Informations-, Schlussfolgerungs-, Diskussionsthesen)
  • Wichtige Literatur

 

Kopf

Der Kopf enthält Angaben zu Hochschule, Veranstalter, Titel der Veranstaltung, Datum, Thema des Referates, Referent/in.

 

Gliederung

Die Gliederung des Vortrages kann den Thesen vorangestellt werden. Alternativ kann man Gliederung und Thesen integrieren, indem man die Thesen an den  passenden Stellen der Gliederung einfügt.

 

Thesen

Noch einmal: Thesen enthalten weder nackte Fakten noch schlichte Selbstverständlichkeiten. Thesen sind vielmehr Behauptungen, die für die gesamte Argumentation des Referates von besonderer Wichtigkeit sind.

 

Literatur

Hier stehen die wichtigsten Titel zum Thema; die Belege sind korrekt und vollständig anzugeben (vgl. die Empfehlungen zu Abfassung wissenschaftlicher Arbeiten).

 

Sonstiges…

 

Da Thesenpapiere in der Regel die Grundlage für eine 90-minütige Veranstaltung bilden, sollten sie höchstens zwei Druckseiten umfassen, oft wird man auch mit einer Seite hinkommen.

Engagierte Refereninnen und Referenten verteilen ihr Thesenpapier eine Woche vor ihrem Referat; das gibt motivierten Studierenden die Möglichkeit, sich auf die Sitzung anhand des Thesenpapiers vorzubereiten.

 

Alle Fragen im Zusammenhang von Thesenpapieren, zu denen dieses Infoblatt schweigt und auf die Studierende in der empfohlenen Literatur keine Antworten gefunden haben, versuche ich gerne zu beantworten bzw. zu entscheiden

 

 

Literatur

1    Rost, Friedrich (1997): Lern- und Arbeitstechniken für pädagogische Studiengänge.Opladen; hier: 198-200

2    Rückriem, Georg; Stary, Joachim; Franck, Norbert (1997): Die Technik wissenschaftlichen Arbeitens. 10. Aufl. (1. Aufl. 1972). Paderborn (= UTB für Wissenschaft: Uni-Taschenbücher; 724); hier: 64 f.

3    Stary, Joachim (1985): Das Thesenpapier. (Informationsblatt der) Arbeitsstelle Hochschuldidaktische Fortbildung und Beratung. Freie Universität Berlin: Berlin

 

 

 
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