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Interdisziplinäre ZeReS-Tagung „Bier in Oberschwaben“

15.03.2018

Zwischen Identität, Regionalität und globalen Trends


Impressionen der Tagung

Interdisziplinäre Tagung „Bier in Oberwaben“ im Tagungshaus Weingarten: Das interdisziplinären Zentrum für Regionalität und Schulgeschichte (ZeReS) der Pädagogischen Hochschule Weingarten und der Fachbereich Geschichte an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart beleuchteten das Thema Bier aus unterschiedlichsten Blickwinkeln. Bild: Claudia Wörner

Die Referenten der Tagung „Bier in Oberschwaben“ (von links): Johannes Kuber (Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Prof. Dr. Waldemar Grosch, Prof. Dr. Yvonne Krautter, Dr. Andreas Sommer, Prof. Dr. Marieluise Kliegel, Dr. Thomas Wiedenhorn, Tagungsleiter Prof. Dr. Dietmar Schiersner, Prof. Dr. Andreas Schwab, Prof. em. Dr. Erich Müller-Gaebele, Martin Hipp und Andreas Kunzemann. Bild: Claudia Wörner

Weingarten – Bier ist viel mehr als ein Getränk. Beim Hopfensaft handelt sich um ein kulturgeschichtliches Phänomen. Dies zeigte die dreitägige Tagung „Bier in Oberschwaben“ im Tagungshaus Weingarten. Sie wurde gemeinsam vom interdisziplinären Zentrum für Regionalität und Schulgeschichte (ZeReS) der Pädagogischen Hochschule Weingarten und dem Fachbereich Geschichte an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart veranstaltet.

Bier stillt nicht nur den Durst, es regt ihn auch an. Bier steht für Gemütlichkeit und Geselligkeit, aber auch für Stammtisch-Gerede, Rausch und Gewalt. Der Anbau der Zutaten wie Hopfen und Getreide prägt nach wie vor die Landwirtschaft Oberschwabens. Brauereien waren fester Bestandteil klösterlicher und adliger Gutswirtschaften, hinzu kamen noch vor einem Jahrhundert zahlreiche Braubetriebe mit eigenem Ausschank. Heute trägt die Jugend mit großer Selbstverständlichkeit wieder Tracht und Dirndl, und das Oktoberfest mit seinen Bierzelten ist längst über die Stadtgrenzen Münchens hinausgewachsen. Die Kleinbrauerszene boomt und liegt ganz im Trend von Regionalität und ökologisch nachhaltigem Genuss.

Tiefe Einblicke in Region Oberschwaben

Beleuchtet aus dem jeweiligen Blickwinkel der unterschiedlichen ZeReS-Disziplinen, von Geographie über Biologie bis zu Pädagogik, Geschichte und Kulturwissenschaft, gab die Veranstaltung mit zehn Vorträgen, Brauereiführung und Verkostung sowie einer Abendveranstaltung mit Blasmusik tiefe Einblicke in die Region Oberschwaben. „Das Thema Bier bietet sich für eine solche Tagung geradezu an“, sagte Tagungsleiter Prof. Dr. Dietmar Schiersner, Professor für Mittelalter und Frühe Neuzeit und Direktor des ZeReS. Da das Zentrum interdisziplinär angelegt sei, habe man für die Tagung geradezu aus dem Vollen schöpfen können.

Exkursion zur Aulendorfer Schlossbrauerei

Mit einer Exkursion zur Schlossbrauerei Aulendorf startete die Tagung mit 24 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus ganz unterschiedlichen Berufsgruppen. Sie erlebten bei der Führung durch Sudhaus, Gär- und Lagerkeller, dass es sich beim Bierbrauen um Handwerk im wahrsten Sinne des Wortes handelt. Nach dem Reinheitsgebot von 1516 hat sich Brauer Florian Angele zum Ziel gesetzt, den Aulendorfern wieder ihr eigenes genussvolles Bier mit besonderem Charakter und Identität zu brauen. Er ist sich sicher, dass Biergenießer es leid sind, Einheitsbier von anonymen Großbrauereien zu trinken.

Bier von Jungbrauern aus Weingarten

Auch den beiden Jungbrauern Martin Hipp und Andreas Kunzemann aus Weingarten geht es in erster Linie um Regionalität und kulturelle Vielfalt. Sie sehen sich mit der Gründung der Altdorfer Klosterbrauerei in der Tradition der Mönche vom Martinsberg und des Weingartener Braumeisters Karl Koepff, der 1984 sein letztes Fass verkaufte. Entwickelt haben Hipp und Kunzemann – von Beruf übrigens Zahntechniker und Maschinenbauer – das Rezept für ihr Bier anhand weniger historischer Dokumente und durch Versuche auf der Heimbrauanlage. „Mit Sud Nummer 20 waren wir zufrieden“, berichtete Hipp. In ihrem ersten Geschäftsjahr 2017 haben sie nach ihrem eigenen Rezept in der Aulendorfer Schlossbrauerei 50 Hektoliter Bier brauen lassen. Zu trinken gibt es ihren Hopfensaft im Gasthof „Ochsen“ und im Café Museum sowie im Gasthof „Kardel“ in Baienfurt. Selbstverständlich gab es auch für die Tagungsteilnehmer eine Kostprobe. Bier aus dem Blickwinkel von Geschichte und Geografie Dem Themenkreis Geschichte widmete die Tagung einen ganzen Nachmittag. Dabei reichte das Spektrum von „Brauereien in der Gutswirtschaft des oberschwäbischen Adels“ über „Bier und Männlichkeitsvorstellungen“ bis zur Alkoholfrage in der Schule des 19. und 20. Jahrhunderts unter dem Stichwort „Kampf dem Bier“. Aus dem Fach Geographie gab es einen Vortrag zum globalen und regionalen Hopfenanbau sowie einen Werkstattbericht zum Aufbau eines Brauerei-Informations-Systems (BIS) für die Region Oberschwaben. „Hier kommen auf 1,3 Millionen Einwohner 21,4 Brauereien“, berichtete Prof. Dr. Andreas Schwab. Über das BIS kann nicht nur abgefragt werden, welche Brauerei am meisten Bier produziert, die Brauereilandschaft und die Stoffströme einer Brauerei können auch kartografisch dargestellt werden.

Jugendliche trinken weniger als vermutet

Wer bisher geglaubt hat, dass Jugendliche immer mehr Alkohol trinken, wurde bei der Tagung eines besseren belehrt. Erziehungswissenschaftler Dr. Thomas Wiedenhorn sprach zum Thema „Droge Alkohol“ und beleuchtete das Spannungsfeld von jugendkultureller Prägung und Problemverhalten. Anhand des Alkoholsurveys 2016 zeigte er auf, dass das Alter des ersten Alkoholkonsums von 14,1 Jahren in 2004 auf 14,9 Jahre in 2016 gestiegen ist. „Das Alter ihres ersten Rausches geben Jugendliche aktuell mit 16,4 Jahren an. 2004 lag es bei 15,5. Jahren.“ Nur gering seien dabei die Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen. Festzuhalten sei, dass 45 Prozent der zwölf- bis 17-jährigen Jugendlichen in den vergangenen zwölf Monaten gar keinen Alkohol getrunken haben. Untersuchungen zeigen, dass der Freundeskreis und das soziale Umfeld eine wichtige Rolle spielen. „Trinken ist ein gruppendynamischer Prozess, aber wir brauchen uns aktuell eigentlich keine Sorgen machen. Der Konsum geht eher zurück“, stellte Dr. Wiedenhorn fest.

Regionale Biermarken bedeuten Heimat

Dr. Andreas Sommer vom Fachbereich Geschichtsdidaktik stellte die Frage, inwiefern Bier zum Finden der eigenen Identität beiträgt. Auch er packe regelmäßig eine Kiste „Distelhäuser“ ins Auto, wenn er die Eltern in seiner Heimat Nordbaden besuche. Weltweit betrachtet sei jedoch das chinesische Bier der „Global Player“. Auch wenn es allein in Deutschland 5000 verschiedene Biere gibt, sprechen Fachleute von einer geschmacklichen Neutralisierung. Aktuell gebe es zwei Bewegungen am Biermarkt: industrielle Brauereien, die so billig wie möglich produzieren und Kreativbrauer, die möglichst aromatische Biere brauen wollen, die so genannten Craftbiere. „Auch die deutsche Bierszene befindet sich im Umbruch und es gibt ein stärkeres Bewusstsein der Konsumenten für die Herkunft ihres Bieres“, so Dr. Sommer. Als Beispiel zugespitzter Regionalität nannte er das „Inselbier“ von der Insel Reichenau, das in kleinsten Mengen gebraut wird. „Bier ist immer auch Emotion, und regionale Marken bedeuten Heimat“, zitierte er Jens Kohrs. In der globalisierten Welt würden die Menschen zunehmend nach Ankerpunkten suchen.

Unterschiedliche Blickwinkel überzeugen

Von Seiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielt die Tagung „Bier in Oberschwaben“ viel Anerkennung. „Das Wochenende mit seinen interessanten Vorträgen hat meine Erwartungen absolut erfüllt“, sagte Wolfgang Aich aus Friedrichshafen. Überzeugt hätten ihn vor allem die unterschiedlichen und wissenschaftlich fundierten Blickwinkel auf das Alltagsthema Bier. Lob gab es auch von den Referentinnen und Referenten. „Die Tagung bot eine gute Gelegenheit, Klischees abzubauen“, sagte Professorin Dr. Yvonne Krautter vom Fachbereich Geographie. Bereichernd und voller Impulse erlebte Prof. Dr. Waldemar Grosch vom Fachbereich Zeitgeschichte auch die Diskussionen nach den Vorträgen.

Text und Fotos: Claudia Wörner

zur weiteren Information:

Das Zentrum für Regionalität und Schulgeschichte (ZeReS) wurde im Jahr 2006 als Forschungsverbund an der Pädagogischen Hochschule Weingarten eingerichtet und besteht aus 16 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Zahlreiche der an der Pädagogischen Hochschule vertretenen Disziplinen sind in diesem Forschungszentrum repräsentiert.

Die Ziele des ZeReS:

  • Fächerübergreifende Erforschung der Region Oberschwaben als Kultur- und Naturraum im weitesten Sinne, vergleichende Regionalforschung und Untersuchung des Phänomens „Regionalität“.
  • Entwicklung eines Dienstleistungsangebotes für Schulen, Verwaltung, Tourismus und alle interessierten Einrichtungen.
  • Kooperation mit Personen und Institutionen in Oberschwaben und benachbarten Regionen.
  • Wirkung als regionales Kompetenzzentrum in die Region hinein. Dazu betreibt das ZeReS eigene Forschungsprojekte, veranstaltet Symposien und Vortragsreihen und beteiligt sich an Vorhaben anderer Einrichtungen. 

 

 


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