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Innovative Praktikumsform an der Grundschule Oberzell: „Studierende machen Schule!“

06.02.2018

WEINGARTEN/TALDORF – Mit dem Projekt „Studierende machen Schule!“ bietet die Pädagogische Hochschule (PH) Weingarten eine innovative Praktikumsform für angehende Grundschullehrerinnen und -lehrer an.


Kunst in der 1. Klasse

Kunst bei den Erstklässlern der Grundschule Taldorf: Miriam Laur nimmt am Projekt „Studierende machen Schule!“ teil und unterstützt die Kinder beim Basteln einer Dekoration fürs Fenster des Klassenzimmers.

Mathe in der 3. Klasse

In der dritten Klasse der Grundschule Taldorf steht Mathematik auf dem Stundenplan: Studentin Janina Lengwenat unterrichtet sie eine Woche lang beim Projekt „Studierende machen Schule!“.

Nach intensiver Vorbereitung im Rahmen des Integrierten Semesterpraktikums (ISP) übernehmen sie für knapp eine Woche die Verantwortung für eine komplette Grundschule. Das Kollegium nutzt die Zeit für eine gemeinsame Fort- und Weiterbildung.

In der ersten Klasse der Taldorfer Grundschule wird geschnippelt und geklebt, was das Zeug hält. Das Fach Kunst steht auf dem Stundenplan. Noch ein lustiges Gesicht gemalt und den Bart aufgeklebt – fertig ist ein weiterer kleiner Nikolaus, der in der Adventszeit das Fenster des Klassenzimmers zieren soll. „Der ist aber schön geworden“, lobt Miriam Laur, die die Schüler während der so genannten Übernahmewoche zusammen mit Vanessa Strobel unterrichtet. Beide studieren im 5. Semester an der PH Weingarten.

Übernahme nach elf Wochen Vorbereitung

Insgesamt 14 Studierende haben die Grundschule Oberzell und ihren zweiten Standort Taldorf für eine Woche übernommen, während die Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam auf Fortbildung waren. „Im Rahmen des ISP waren sie bereits seit elf Wochen in den Klassen“, berichtet Dr. Thomas Wiedenhorn, der 2016 zusammen mit Markus Janssen nach norwegischem Vorbild die Projektinitiative „Studierende machen Schule!“ auf den Weg gebracht hat. Am Erasmus+ Projekt SATE (Schooladoption in Teacher Education) sind außerdem die Hochschulen aus Trondheim, Süddänemark und Penza (Russland) sowie die Europauniversität Flensburg beteiligt

Für alle schulischen Aufgaben verantwortlich

Die Studierenden planen nicht nur ihren Unterricht für rund eine Woche, sondern sind für alle schulischen Aufgaben verantwortlich. Sie organisieren die Pausen- und Busaufsicht, überprüfen die Anwesenheit der Kinder, führen auch mal Elterngespräche und kleben ein Pflaster auf, wenn sich ein Kind in der Pause das Knie aufschlägt. „So erleben sie den Schulalltag bereits im Studium umfassender und können ihren Berufswunsch überprüfen“, so Dr. Wiedenhorn. Im Hintergrund und für den Fall der Fälle ist er zusammen mit Janssen während der besonderen Woche als Ansprechpartner an beiden Grundschulen anwesend.

Mathe in der dritten Klasse

In der dritten Klasse unterrichtet Janina Lengwenat Mathematik. Auf dem Plan stehen Maßeinheiten vom Zentimeter bis zum Kilometer. Die Schüler sind konzentriert bei der Sache und wissen, dass man statt „132 Zentimeter“ auch „1,32 Meter“ sagen kann. Mit Kreide tragen sie die Werte vorne in die Tabelle an der Tafel ein. „Damit sie ein besseres Gefühl für die Maße bekommen sind wir gestern einen Kilometer abgelaufen“, berichtet die Studentin. So ist es für die Schüler heute kein Problem, die Frage zu beantworten, wie viel Meter eigentlich zwei Kilometer sind. „Ich finde den Unterricht in dieser Woche irgendwie besser, nicht so streng“, meint einer der Drittklässler. „Wir lernen bei ihr aber trotzdem was“, fügt seine Nebensitzerin schnell hinzu.

Das ganze Konzept Schule

„Das Besondere ist, dass wir in dieser Woche komplett eigenverantwortlich sind und nichts vorgegeben bekommen“, sagt Felix, einer der Studenten. Am Anfang hätten die Kinder ihre Grenzen ausgetestet, aber das hätte sich schnell gegeben. Wichtig sei auch die Erfahrung, bei der Unterrichtsplanung einen gewissen Puffer einzubauen. „Mal hat ein Kind Geburtstag, mal müssen Zettel eingesammelt werden“, nennt Hintermayer Beispiele. Alle sehen „Studierende machen Schule!“ als riesen Chance. „In dieser Woche erleben wir das ganze Konzept Schule“, sind sie sich einig.

Unterrichtsinhalte vernetzen

Die Studierenden sind nicht nur ohne Mentoren mit den Kindern in der Klasse – in den Klassen eins und zwei jeweils zu zweit, in den Klassen drei und vier alleine. Dabei unterrichten sie alle Fächer. „Das Interessante ist, dass wir auf diese Weise Unterrichtsinhalte viel besser miteinander vernetzen können“, sagt Vanessa Strobel. Deutlich sehen die Studierenden, wie wichtig die Vorbereitung im Rahmen des ISP und der Begleitveranstaltungen war. „Nicht nur die Schüler kennen uns. Wir hatten im Vorfeld auch schon Kontakt mit den Eltern, so dass sie wissen, wer in dieser Woche für ihre Kinder da ist“, so Miriam Laur.

Erfahrungen im realen Schulumfeld

Bei Interesse und mit den notwendigen Voraussetzungen können sich Studierende für das Projekt anmelden. „Alle spüren die Faszination von ‚Studierende machen Schule!‘“, sagt Dr. Wiedenhorn. Auch Schulrat Ulrich Damm vom Staatlichen Schulamt Markdorf sieht das Projekt positiv: „Es ist unabdingbar, dass Studierende so viel Erfahrung wie möglich im realen Schulumfeld sammeln, und das so selbstverantwortlich wie möglich.“ Nicht zuletzt können sie sich in dieser Woche bewusst machen, ob das Aufgabenfeld Schule für ein jahrzehntelanges Berufsleben tatsächlich zu ihnen passe.

Win-Win-Situation für Studierende und das Kollegium

Insgesamt könne man für Studierende und das Kollegium der Grundschule von einer Win-Win-Situation sprechen. „Die Lehrer sehen es als Geschenk, wenn sie eine Woche lang gemeinsam auf Fortbildung sind. Von der Schulentwicklung profitieren wiederum die Kinder“, beschreibt Dr. Wiedenhorn. Ein Geschenk, welches sie sich durch die intensive Begleitung der Studierenden jedoch auch erarbeitet hätten. In regelmäßigen Abständen wird das Projekt mit Hilfe eines Fragebogens evaluiert. Zentrale Fragen sind unter anderem die Befürchtungen der Studierenden zu Beginn des Praktikums und Herausforderungen während der Woche an der Schule. Erfragt werden außerdem die Einschätzungen und Erfahrungen der Eltern. Erste Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass die Studierenden über den Unterricht hinaus planen und eine erweiterte Form von Kooperationserfahrungen machen, die mit einem Kompetenzzuwachs in bestimmten persönlichen Bereichen einhergehen.

Projektkonzept

Das Projekt „Studierende machen Schule!“ baut auf dem an der Norwegian University of Science and Technology (Norwegen) entwickelten Konzept der „Schooladoption“ auf. In Deutschland ist es zum ersten Mal an der Europa-Universität Flensburg erprobt worden. An der Pädagogischen Hochschule Weingarten begannen die Projektplanungen 2014 und es wurde erstmals als Teil des Integrierten Semesterpraktikum im Wintersemester 2015/16 unter gleichem Namen wie in Flensburg in Absprache mit dem Staatlichen Schulamt Markdorf und mit Genehmigung des Regierungspräsidiums Tübingen und des Kultusministeriums Baden-Württemberg durchgeführt.

Text und Fotos: Claudia Wörner


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