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„Berufswahl von Frauen in MINT- und CARE-Berufen – Diskurs zu Eckpunkten einer gendersensiblen Berufsorientierung“

26.12.2017

Tagungsrückblick


Teilnehmer der Tagung

Die Tagungsteilnehmer „Berufswahl von Frauen in MINT- und CARE-Berufen – Diskurs zu Eckpunkten einer gendersensiblen Berufsorientierung“

Die Tagung stand unter der Schirmherrschaft von Frau Ministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg, und wurde mit großem Erfolg am 22. und 23. November 2017 an der Pädagogischen Hochschule Weingarten und im Tagungshaus der Akademie der Diözese Rottenburg/Stuttgart durchgeführt. Eingeleitet wurde die Tagung durch den Prorektor für Lehre der Pädagogischen Hochschule Weingarten, Prof. Dr. Florian Theilmann, und geleitet wurde sie von Prof. Dr. Elisabeth Schlemmer und PD Dr. Martin Binder von der Pädagogischen Hochschule Weingarten sowie von Dr. Thomas König, Fachleiter Gesellschaft und Sozialpolitik, Akademie der Diözese Rottenburg/Stuttgart.

Die Zukunft der Berufswelt und ihre Chancen für die Frauen standen im Zentrum der Tagung. Technischer wie auch demografischer Wandel werden die Berufswelt radikal beeinflussen: Die Digitalisierung der Betriebswelt führt zu einer grundlegenden Umwälzung beruflicher Tätigkeitsprofile und die Anforderungsniveaus im MINT-Bereich steigen beträchtlich an. Der demografische Wandel, der mit Geburtenrückgang, Verlängerung der Lebenszeit und Migration einhergeht, schafft neue Herausforderungen im CARE-Bereich (Kinderbetreuung und Altenpflege) und schafft zugleich Zündstoff für die Diskussion um den Fachkräftemangel sowohl im MINT- wie im CARE-Bereich.

Die Tagung stellt den MINT- und CARE-Bereich gegenüber, deren berufliche Profile typisch weiblich bzw. typisch männlich konnotiert sind. Die Referentinnen und Referenten führten einen interdisziplinären Diskurs zu Eckpunkten einer gendersensiblen Berufsorientierung unter folgenden Aspekten:

Dr. Birgit Buschmann, (Leiterin Referat Wirtschaft und Gleichstellung, Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg) analysiert zuerst die ökonomische Situation von international agierenden Unternehmen in Baden-Württemberg unter dem digitalen der Arbeitswelt. Sie verdeutlicht einerseits die Notwenigkeit neue Kompetenzbereiche und den hierfür „bereits heute“ bestehenden Fachkräftemangel. Die Analyse der beruflichen Lage von Frauen in MINT-Berufen, z.B. Ingenieurinnen lässt andererseits sowohl Segregation als auch Distanz der Frauen erkennen. Die Förderung von Frauen durch gendersensible Projekte (Macht MI(N)T) wird als erster und auch erfolgversprechender Schritt zur Gewinnung von Frauen in MINT-Berufen gewertet.

Prof. Dr. Uwe Pfenning, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Stuttgart, stellt neue feminine Tätigkeitskulturen in den Ingenieurwissenschaften und Technikberufen vor. Seine Ergebnisse sind: Die Tätigkeitsprofile von Technikberufen können sich durch erhöhte Frauenanteile verändern hin zu mehr kommunikativer Kompetenz und Interdisziplinarität. Frauenanteile in technischen Berufen können erhöht werden, wenn Technikwissenschaften als Aufgabe der Allgemeinbildung, Technikmündigkeit als zentrales Bildungsideal und die Vermittlung des sozialen Sinns von Technologien wahrgenommen und praktiziert werden.

Die Chancen von Frauen in MINT- und CARE- Berufen wurden unter besonderen Perspektiven erarbeitet:

Prof. Dr. Ingrid Jungwirth, Hochschule Rhein-Waal, analysiert anhand einer qualitativen Studie die Situation von Frauen mit Migrationshintergrund in technischen Berufen. Sie zeigt auf, dass Migrantinnen aus Osteuropäischen Ländern oft erst in Deutschland die Geschlechterstereotypie von Berufen kennenlernen. In Konsequenz führt dies zu einer Erwerbstätigkeit auf tieferem Niveau bei Frauen; nicht in gleichem Maße jedoch bei Männern mit Migrationshintergrund.

Prof. Dr. Nina Weimann-Sandig, Evangelische Hochschule Dresden, legte einen Beitrag vor zum Berufsfeld der Kindertagesbetreuung und Altenpflege vor. Sie stellt zuerst den Wandel eines typischen Frauenberufs durch die Akademisierung des Berufs vor. Zugleich zeigt sie aber aufgrund der sehr differenten Ausbildungsniveaus (von 1 Jahr bis zum Akademischen Studium) einerseits Chancen für Quereinsteiger und andererseits die entstehende Hierarchie innerhalb der CARE-Berufe auf. Je geringer das Niveau desto höher der Frauenanteil. Ihre Forderung richtet sich auf Genderneutralität, um den CARE-Bereich langfristig zu sichern.

Bildungsbedingungen der Berufswahl und der Frage, was in den Schulen die Genderstereotypie fördert, gingen nach:

PD Dr. Martin Binder, Pädagogische Hochschule Weingarten: Er fragte „Gibt es gute Gründe, warum junge Frauen technische Berufe meiden?“ und argumentiert, dass ein an Finalität angelehnter Technikbegriff auch Handlungsbezug zur Technik aufzeigen kann. Diesen kennen Mädchen und Jungen, Frauen und Männer gleichermaßen durch ihre Verwendung im Alltag. Die Distanz von Mädchen im Unterricht kann dadurch abgebaut werden.

Annika Grooß, Universität Duisburg-Essen, vertrat Prof. Dr. Ingelore Mammes. Sie referierte zum Technikverständnis in Bildungsplänen des Elementar- und Primarbereichs. Die Analyse schaffte ein sehr differentes Bild je nach Bundesland zu Tage. Die Neukonstitution von Bildungsplänen ist die Forderung der beiden Forscherinnen, um die Entwicklung des Technikinteresses von Mädchen über die verschiedenen Altersstufen hinweg fördern und sichern zu können.

Prof. Dr. Markus Prechtl, Pädagogische Hochschule Weingarten, stellte Überlegungen an, wie die Herausforderung, die individuelle Förderung von Schülerinnen innerhalb der Chemie-Berufsorientierung gendersensibel zu begleiten, angenommen werden kann. Er stellte Projekte des spielerischen Kennenlernens von Berufen im Chemiebereich als möglichen Zugang vor.

Prof. Dr. Elisabeth Schlemmer, Pädagogische Hochschule Weingarten, analysierte informelle Bildungsprozesse in Schule und Familie anhand einer qualitativen Studie zur Studienwahl von jungen Frauen und Männern. Sie stellte eine berufsmotivierende Kraft von Schulfächern bei geschlechterstereotyper nicht jedoch bei -unstereotyper Studienwahl fest. Ihre Studienentscheidung begründeten MINT-Studentinnen dagegen häufig mit informellen Bildungsprozessen in der Familie. Das Aufdecken genderstereotyper Normen in Schule und Unterricht muss folglich auch an Fächern und über die gesamte Schulzeit erfolgen.

Prof. Dr. Marianne Friese, Universität Gießen, zeigte Leitlinien für eine gendersensible Berufsorientierung junger Frauen und Mütter anhand mehrerer Studien auf. Ihre zentrale These ist, dass demografischer Wandel und Fachkräftemangel unter der Betrachtung von Individualisierungs-prozessen zu einem Spannungsverhältnis von tradierter Genderstruktur und gendersensibler Neuorientierung der Berufsorientierung führen. Die schulische Berufsorientierung unterliegt jedoch auch heute noch normativen Stereotypen zu Frauenberufen vs. Männerberufen. Die Zielsetzung muss dementsprechend sein, dass geschlechtssensible Berufsorientierung auch Eingang in die Lehrer*innenbildung finden soll.

Prof. Dr. Marianne Faulstich-Wieland, Universität Hamburg, leitete Ihren Abendvortrag an der Pädagogischen Hochschule Weingarten mit der Frage ein: „Wie kann eine gendersensible Berufsorientierung gelingen?“. Sie stellt die „Irritation“ als einen Weg vor, der Schüler*innen zur Reflexion über die Genderlastigkeit von Berufen anregen kann. Dazu stellte sie als unterstützendes Material u.a. den Wandel von Berufen und deren geschlechterstereotype Konnotation vor, z.B. der Arztberuf oder auch der Lehrerberuf, heute typische Frauenberufe, waren vor Zugang der Frauen zu Universitäten Männerdomänen.

Text: Dr. Martin Binder, PH Weingarten


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