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„Die Kirche muss endlich die Zeichen der Zeit erkennen“

Der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel las an der Pädagogischen Hochschule Weingarten aus seinem kirchenkritischen Buch über „Kirchliche Verzagtheit und christliche Sprengkraft“

 

Der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel sprach in der Pädagogischen Hochschule vor einem interessierten Publikum über sein neues Buch „Ehe alles zu spät ist: Kirchliche Verzagtheit und christliche Sprengkraft“. Bild: PH  (Klick auf das Bild für volle Auflösung)


„Meine Kritik an der Kirche ist nicht die Kritik eines Außenstehenden. Ich habe mich ein Leben lang und bis zum heutigen Tag in dieser Kirche engagiert“, sagte der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel am Dienstagabend in der Pädagogischen Hochschule Weingarten (PH). Die katholischen Erwachsenenbildungen Weingarten hatten zu der Veranstaltung eingeladen und viele Interessierte aus allen Altersgruppen waren gekommen, um Teufels kirchenkritische Ausführungen aus seinem 2013 erschienenen Buch „Ehe alles zu spät ist: Kirchliche Verzagtheit und christliche Sprengkraft“ zu hören.

Ihm gehe es keineswegs um Abbau, sondern vielmehr um Aufbau, betonte Teufel und appellierte an die Kirche, endlich die Zeichen der Zeit zu erkennen. „Ich sage ein offenes Wort zu ungelösten Fragen.“ Die Motivation für sein Buch habe er vor zwei Jahren bei einer Marienwallfahrt in Lourdes erhalten, berichtete der Ex-Ministerpräsident. Nach einem Pilgergottesdienst habe ihn der deutsche Pfarrer, der die Messe zelebriert habe, angesprochen und ihm mitgeteilt, dass er täglich für ihn bete, weil er Dinge sagen könne, die dieser als Pfarrer selbst nicht sagen dürfe. „Das hat mir Mut gemacht, offen meine Meinung zur Situation der Katholischen Kirche zu sagen und notwendige Reformen einzufordern“, so Teufel, der auch Ehrendoktor der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen sowie Kuratoriumsmitglied des Vereins ProChrist, der Eugen-Biser-Stiftung und der Geschwister-Scholl-Stiftung in München ist. Umfragen hätten gezeigt, dass Caritas und Diakonie in der Wertschätzung der Menschen weit vor der Katholischen und Evangelischen Kirche liegen. „Sie stehen den Menschen mit ihren Hilfsangeboten näher als die Kirche mit der Verkündigung des Wortes. Das muss uns zu denken geben.“

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1978 habe es in Deutschland noch 25.000 Priester gegeben, 2011 nur noch 13.500. Die Zahl der Neupriester in allen 27 deutschen Diözesen sei 2011 auf 86 gesunken, so Teufel. Die Zahl der aktiven Priester gehe nicht nur zurück, die Statistik zeige auch eine starke Überalterung. Der einzige Lösungsansatz der Diözesanleitungen sei die Bildung von ständig größeren Seelsorgeeinheiten. „Wir könnten jeder Gemeinde wieder einen Priester stellen, wenn wir bewährte Männer, „viri probati“, zu Priestern weihen“, sagte Teufel und nannte in diesem Zusammenhang Diakone, hervorragend ausgebildete Pastoralassistenten oder auch Religionslehrer. In jeder Gemeinde stünden bewährte Männer, die sich für die Kirche engagierten und die sich die notwendigen Grundkenntnisse für das Priesteramt aneignen könnten, bereit. Auch Frauen, die in der kirchlichen Gemeinde vor Ort und in der Familie unersetzlich wären, hätten in der Kirche einen Anspruch auf Gleichberechtigung, forderte Teufel. Die Kirche schade sich, wenn sie Frauen von bestimmten Diensten und Ämtern ausgrenze. Ohne Frauen laufe an der Kirchenbasis nichts mehr. „Warum also sollen sie vom Weiheamt eines ständigen Diakonats ausgeschlossen werden?“, so der frühere Ministerpräsident, der bis 2008 Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und von 2008 bis 2012 Mitglied des deutschen Ethikrats war. Als Lösungsansatz für fast alle Probleme nannte er das Subsidiaritätsprinzip. Auch die Kirche könne nur vom einzelnen Menschen her und damit von unten nach oben funktionieren. „Kirche ereignet sich wesentlich in der Gemeinde und aus der Gemeinde“, zitierte Teufel den berühmten Pastoraltheologen Ferdinand Klostermann. Kirche auf der Diözesanebene oder in Rom erreiche die Menschen nur noch über die Medien. Eine Kirche, die wie in Deutschland Steuern bekomme, habe darüber hinaus eine ganz besondere Verantwortung. „Sie sollte sich noch viel mehr als bisher auch sozial engagieren“, forderte er. Die weitere Entwicklung der Kirche hänge auch von Papst Franziskus ab. Teufel: „Meine ganzen Hoffnungen ruhen auf ihm und dem heiligen Geist.“

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Text und Fotos: Barbara Müller



 
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