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„Bildung ist eine Sache des persönlichen Engagements“

Professorin Dr. Aleida Assmann sprach im „Studium Generale“ der Pädagogischen Hochschule Weingarten über „Bildung und kulturelles Gedächtnis“

 

Sprachen im Rahmen des „Studium Generale“ an der Pädagogischen Hochschule Weingarten über das Thema „Bildung und kulturelles Gedächtnis“: Professorin Dr. Dr. h.c. Aleida Assmann und Dr. Ralf Elm. Bild: PH (Klick auf das Bild für volle Auflösung)

 

„Geschichtsbilder unterliegen häufig der Gefahr, monoperspektivisch zu sein und unreflektiert wiedergegeben zu werden“, sagte Dr. Ralf Elm, Leiter des „Studium Generale“ an der Pädagogischen Hochschule Weingarten (PH). Die Veranstaltungsreihe steht im Wintersemester 2011/12 unter dem Titel „Inmitten der Geschichte“ und beschäftigte sich im Dezember mit den Zusammenhängen zwischen Bildung und kulturellem Erbe. Zu Gast war Professorin Dr. Dr. h.c. Aleida Assmann von der Universität Konstanz, die sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit diesem Thema beschäftigt und sich durch zahlreiche Veröffentlichungen einen Namen gemacht hat. Assmann studierte Anglistik und Ägyptologie in Heidelberg und Tübingen, habilitierte sich 1992 an der Universität Tübingen und übernahm 1993 den Lehrstuhl für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Sie hatte Gastprofessuren an der Princeton University (2001), Yale University (2002, 2003 und 2005), an der Universität Wien (2005) und an der University of Chicago (2007) und erhielt 2009 die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Oslo. 1999 wurde sie mit dem Forschungspreis für Geisteswissenschaften der Philip-Morris-Stiftung ausgezeichnet, 2009 mit dem Max-Planck-Forschungspreis „Geschichte und Gedächtnis“.

Das Wort „Bildung“ gelte gemeinhin als unübersetzbar und als typisch deutsche Angelegenheit, sagte Assmann. In der Alltagssprache, aber auch in Fachdiskursen sei das Wort mit ganz unterschiedlichen Bedeutungen im Umlauf. Die Professorin unterschied fünf verschiedene Bildungsbegriffe. Die „kognitive Bildung“ beginne mit der Geburt eines Menschen. Er interagiere sofort mit seiner Umwelt und entwickle seine angeborenen Potenziale. In rund 90 Prozent der Fälle, bei denen in Deutschland von Bildung die Rede sei, sei „Ausbildung“ gemeint, so die Professorin weiter. Dies gelte insbesondere für den Kontext von Schulen, Hochschulen und anderen Ausbildungsstätten. Der Rest des Bildungsspektrums lasse sich auf die drei weiteren Bildungsbegriffe „Persönlichkeitsbildung“, „Allgemeinbildung“ und „kulturelle Bildung“ verteilen. Unter „kultureller Bildung“ verstehe man ein umfassendes Identitätswissen, das sich auf ein kulturelles Selbstverständnis gründe. „Menschen begreifen sich nicht nur als Individuen, sie verstehen sich auch als Mitglieder von Nationen und Kulturen“, so Assmann. Ohne ein gewisses Grundwissen von dem, was die eigene kulturelle Identität historisch, geistig und künstlerisch bestimmt hat, sei ein produktiver Austausch mit anderen Kulturen nicht möglich. Kulturelle Bildung sei eine wichtige Voraussetzung für den interkulturellen Dialog. „Wir können uns in einer multikulturellen Gesellschaft nicht mehr die überhebliche Universalisierung des Eigenen auf Kosten von Fremdem leisten“, mahnte Assmann. „Dazu sitzen zu viele Kinder anderer kultureller Herkunft in unseren deutschen Schulklassen.“

Die kulturelle Bildung sei in Westdeutschland lange Zeit nicht gerade hoch im Kurs gestanden, gab die Professorin zu bedenken. Der Kanon nationaler Bildung habe sich durch die Epochen des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und des NS-Staates bis in die Nachkriegszeit erhalten. Diese restaurative Kontinuität hätten die 68er aufbrechen wollen, um Anschluss an die Moderne und die internationale Kulturszene zu finden. „Bildung stand auf der Abschussliste als ein Markenzeichen eines obsolet gewordenen Bürgertums“, so Assmann. Der „zornige Kulturkampf“ der 68er habe die 1970er und 1980er Jahre geprägt. „Die Klassiker verschwanden von den Bühnen der Theater und aus dem Deutschunterricht.“ Inzwischen wisse man in Deutschland, wie leicht es ist, Bildung von einer Generation zur anderen abzuschaffen. „An die Universitäten kommen heute Studierende, die weder die einfachsten Geschichten der Bibel noch irgendwelche Namen der klassischen Mythologie kennen – von Literaturkenntnissen ganz zu schweigen.“ Seit der Millenniumswende gebe es von Seiten der Bildungsinstitutionen zaghafte Versuche, in Sachen kultureller Bildung verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Begriffe wie „Nation“ und „kulturelle Identität“ seien im Zeitalter der erweiterten Europäischen Union und im Zuge der Globalisierung zurückgekehrt, allerdings unter neuen reflexiven Bedingungen und universalistischen Prämissen. „Die deutsche Kultur und Bildung stehen heute unter den neuen Voraussetzungen der Immigrationsgesellschaft“, so Assmann. Bildung sei zu einer Sache des persönlichen Engagements geworden. Kulturelle Bildung verbreite sich aber auch zunehmend durch die Kanäle der Massenmedien und des Marktes. „Wir wissen inzwischen, dass sich die Langfristigkeit des Kanons nicht von selbst durchsetzt, sondern ein gesamtgesellschaftliches Projekt ist“, so Assmann.



 
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